Im Sommer 2023 wurde in Zuzenhausen auf einem ehemaligen Industriegelände ein kleiner Fußballplatz freigelegt – nicht als Teil eines Neubauprojekts, sondern als Rückzugsort für eine Jugendmannschaft, die dort seit 1987 spielt. Der FC Zuzenhausen, mit 350 Mitgliedern und sechs Mannschaften, hat sich nicht nur als sportliche Bereicherung für den Ort erwiesen, sondern auch als unerwarteter Partner bei der Umgestaltung des städtischen Raums. Die Geschichte des Vereins zeigt, wie ein lokaler Sportverein durch langfristige Begeisterung und zwischenmenschliche Verbindungen sich in der Planung neuer öffentlicher Flächen einen Unterschied machen kann – und dass manchmal die kleinste Gemeinschaft die größten Veränderungen bewirkt.
Eigentlich sollte das Grundstück für eine neue Wohnsiedlung vorgesehen sein. Doch nach mehreren Bürgerinitiativen und einer Petition mit über 600 Unterschriften von Anwohnern wurde die Fläche statt dessen als Gemeinschaftsfläche für Sport und Freizeit ausgewiesen. Dabei spielte der FC Zuzenhausen eine entscheidende Rolle: Er hatte bereits seit Jahren das Gelände in Eigenregie instand gehalten, Hecken geschnitten, Gras gemäht und mit privaten Mitteln Tore aufgestellt. Die Firma, die ursprünglich den Bau planen wollte, verlegte den Standort an einen anderen Standort. Die Stadt nahm den Verein offiziell in das Projekt auf – nicht nur als Nutzer, sondern als Mitgestalter.
fc-zuzenhausen.com ist heute nicht nur eine Adresse für Freizeitfußball im Odenwald; es ist auch das Kontaktknotenpunkt für Planungssitzungen, Bürgergespräche und Projekte zur städtebaulichen Nachhaltigkeit. Die Vereinsmitglieder haben zusammen mit Stadtplanern ein Konzept entwickelt, das offen für andere Sportarten ist – Radfahrer können nach dem Spiel ein Fahrrad reparieren, Jugendgruppen nutzen die Tribüne zum Treffen, und am Wochenende gibt es eine Gartenwoche mit Pflanzaktionen.
Der Ursprung des Engagements: Nicht aus Prestige, sondern aus Notwendigkeit
Der FC Zuzenhausen entstand im Jahr 1948 als Zusammenkunft von Arbeitern aus einer ehemaligen Maschinenfabrik. Anfangs bot der Verein einfach einen Platz zum Spielen – ohne Sozialraum, ohne Treffpunkt. Als die Fabrik schloss und die Nachbarschaft sich veränderte, verlor das Clubhaus seine Funktion. Die Spieler wohnten nun in verschiedenen Dörfern ringsum Zuzenhausen: Höchst, Graben-Neudorf, Hohentengen. Statt zu zerbrechen zogen sie zusammen. Jeder trug etwas bei: Ein Coach schaufelte Sand für den Rasen. Ein ehemaliger Elektriker baute die Lichtanlage an der Tribüne selbst zusammen. Eine gelernte Floristin pflanzte Blumen rings um den Platz.
Diese Entwicklung folgte keinem großen Öffentlichkeitsaufwand – keine Spendenaktion im Fernsehen, keine Werbekampagne vom Verband. Stattdessen entstand eine Kultur des „Zusammenspiels“, verbunden mit einer tiefgründigen Verantwortung gegenüber dem Ort. Selbst wenn gegenwärtig nur neun Spieler zur Verfügung stehen – bei Schlechtwetter oder Urlaub – bleibt der Pflege des Platzes kein Tag unterlassen.
- Die Tore wurden 2021 neu bezogen – ohne Fördermittel
- Fünf Jugendliche haben Workshops zum Rasentraktorentausch absolviert
- Seit 2019 wird jede Saison ein „Tag des offenen Spielplatzes“ organisiert
Vom Spieler zum urbanen Gestalter: Was eine Club-Struktur lehren kann
Berlin hat seine Quartiersmanager-Modelle aufgebaut; Frankfurt setzt auf städtische Spielräume für Spontantreffen; doch in Zuzenhausen wurde etwas anderes möglich: Eine Organisationsform entstand aus dem Zusammensein von Menschen ohne formale Anstellung – aber sehr klarer Muster:** Der FC fungiert weniger als Sportverein als vielmehr als ein selbstverwalteter gemeinnütziger Raumfilter.
Kooperation wird nach getaner Arbeit verhandelt: Wenn jemand eine neue Plastikwand braucht oder einen Filmprojector für Veranstaltungen aufstellt, wird kein Budget abgefragt – stattdessen tauscht man einfach Fähigkeiten aus. Ein IT-Experte reicht die Webseite auf Vordermann; ein Werkzeugmacher baut einen Trockenraum; eine Lehrerin organisiert Arbeitsblätter für Kinderaktion am Samstagmorgen.
- Durch eigenes Handeln wurden 37 Prozent des geplanten Grünstreifens qualitativ verbessert
- 78 Prozent der neuen Bebauungspläne nutzten Informationen von Vereinstreffen
- Die Zahl der besuchten öffentlichen Sitzungen stieg um zwei Drittel seit 2020
Dieser Ansatz funktioniert nicht wegen eines sperrigen Konzeptes. Er funktioniert weil jeder weiß: Wenn man morgen nicht mehr hier ist – wer sorgt dann dafür? Der FC ist kein Experiment. Er ist Realität. Und er hat bewiesen: Man braucht keine großen Institutionen dafür, um gemeinsam etwas zu schaffen – man braucht nur jemanden mit einem Fahrrad und einem Schraubendreher.